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Nach der Kontroverse um die Regen­bogen­flagge

In Gedenken an Sarah Hegazy veröffentlichen wir die deutsche Fassung ihres letzten im September 2018 erschienenen Textes

Von Bahar Oghalai und Maria Hartmann

Für dieses Bild wurde Sarah Hegazy 2017 in Ägypten verhaftet. Am 14. Juni 2020 nahm sie sich im kanadischen Exil das Leben.

Einleitung und Übersetzung von Maria Hartmann und Bahar Oghalai

Sarah Hegazy wurde 2017 vom ägyptischen Regime für das Schwenken einer Regenbogen-Flagge inhaftiert und später, nach ihrer Entlassung, ins kanadische Exil getrieben. Die physische und psychische Folter, und die daraus folgenden Traumata, haben ihr schlussendlich das Weiterleben unmöglich gemacht. Am 14. Juni dieses Jahres beging Sarah Hegazy in Toronto Selbstmord. 2018 hatte sie ihre Gedanken zum Erlebten niedergeschrieben. Wir übersetzen ihren Text, der weit über die Beschreibung ihrer persönlichen Erlebnisse hinaus eine analytisch scharfsinnige Abrechnung mit einem System ist, das diejenigen tötet, die in seinen Augen anders sind.

Ihre klugen Worte sind besonders im Kontext einer Kritik an der Binarität des deutschen Diskurses bedeutsam, der Regime wie jene von Sisi vermeintlich religiösen vorzieht, weil er sie für säkularer, sicherer und stabiler hält: Besser Sisi als die Muslimbrüder! So hatte die Merkel-Regierung trotz bekannter Menschenrechtsverletzungen das Putsch-Regime Sisis in Ägypten anerkannt. Aus dieser Argumentation heraus unterstützen große Teile der deutschen Stimmen, auch aus der Linken, Akteure wie Sisi. Diesen Stimmen entgegnet Sarah: Die als binär verstandenen Systeme tun sich nichts. Der Staat und die religiös-fundamentalen Institutionen sind zwei Seiten der gleichen Medaille von autoritärer Herrschaft, Patriarchat und der Unterdrückung ziviler Freiheiten.

Das, was Sarah hier im Kontext der ägyptischen Gesellschaft auf Staat und Islam bezieht, ist im globalen Vergleich kein singuläres Phänomen. Die Austauschbarkeit faschistisch-religiöser Staatsstrukturen findet sich zunehmend auf fast allen Kontinenten wieder – mit unterschiedlichen Gesichtern, aber im Inneren prinzipiell ähnlich in Aufbau, Legitimierung und Konsequenz. 

In dem Glauben, vermeintlich säkulare Regime würden Stabilität bieten, wurden die nach Solidarität rufenden zivilen Rebellionen in Westasien und Nordafrika in den letzten zehn Jahren sich selbst überlassen. Und dabei sind es jene, die letztendlich gerade wegen all ihrer Fragmentiertheit, Fragilität und in ihren kontroversen Aushandlungen für eine Alternative gegen den Autoritarismus der einen wie der anderen stehen. An allen Fronten sind es nicht die herrschenden, vermeintlich säkularen Regime, die den Vulnerablen Schutz zu bieten versuchen. Stattdessen hängt heute die Verteidigung der solidarischen Humanität in Ägypten wie in Syrien, von der Türkei über die USA bis an die europäischen Außengrenzen vom Einsatz prekärer, zivilgesellschaftlicher Gruppen und Individuen ab. Die letzten zehn Jahre haben endgültig bewiesen, dass unsere humanistischen interstaatlichen Institutionen gescheitert sind – wir müssen uns auf die Suche nach neuen Lösungen begeben. 

Der folgende Text von Sarah Hegazy wurde aus dem Arabischen übersetzt. Ursprünglich erschien er bei Mada Masr im September 2018, ein Jahr nach ihrer Verhaftung.

Ein Jahr nach der Kontroverse um die Regenbogen-Flagge (von Sarah Hegazy)

Staat und Islamisten konkurrieren in Bezug auf Extremismus, Ignoranz und Hass. Ebenso, wenn es um das Ausüben und die Verbreitung von Gewalt und Leid geht. Islamisten bestrafen jene, die sich von ihnen unterscheiden, mit dem Tod. Das herrschende Regime bestraft sie mit Gefängnis. 

Es könnte als Wettkampf um Religiosität beschrieben werden. Dabei meine ich mit Religion nicht bloß eine Reihe an Praktiken, sondern dieses Gefühl von Dünkel und Überlegenheit, das durch die bloße Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion oder dem Ausüben bestimmter Rituale entsteht. 

Das Regime nutzt seine Werkzeuge – die Medien, die Moscheen –, um der ägyptischen Gesellschaft, die sich als »naturgegeben religiös « versteht, zu sagen: Auch wir schützen religiöse Werte und die gesellschaftliche Moral. Die Islamisten müssten sich also gar nicht mit uns anlegen.  

Der Staat und besonders das derzeit regierende Regime ist puritanisch. Als ich in meinem Zuhause, vor den Augen meiner Familie, verhaftet wurde, fragte mich ein Offizier nach meiner Religion, warum ich den Schleier abgenommen habe und ob ich Jungfrau sei. Der Offizier verband meine Augen in einem Auto, das mich zu einem Ort fuhr, dessen Lage mir verborgen blieb. Ich wurde eine Treppe hinunter geführt ohne zu wissen, wohin sie mich bringen würde. Nur der Klang einer Männerstimme, die sagte: »Bringt sie zu al-Basha«, und der ekelhafte Gestank von vor Schmerzen stöhnenden Menschen. Ich saß auf einem Stuhl, meine Hände verbunden und ein Stück Stoff in meinem Mund aus Gründen, die ich nicht verstand. Ich konnte niemanden sehen und niemand sprach zu mir. Eine kurze Weile später erschütterte mein Körper und ich verlor das Bewusstsein – ich weiß nicht für wie lang. 

Es war Elektrizität. Sie folterten mich mit Elektrizität. Sie drohten, meiner Mutter etwas anzutun, wenn ich jemals darüber sprechen würde. Meine Mutter starb später, als ich das Land schon verlassen hatte. 

Die Stromschläge genügten ihnen nicht. Der Typ aus der Sayeda Zeinab Polizeistation stiftete die inhaftierten Frauen dazu an, mich sexuell zu belästigen – verbal und physisch. 

Die Folter war auch damit nicht vorüber. Sie machten weiter im Qanater Frauengefängnis, wo ich Tage über Tage in Einzelhaft gehalten wurde, bevor sie mich in eine Zelle mit zwei anderen Frauen steckten. Es war mir verboten, mit ihnen zu sprechen. 

In der ganzen Zeit der Haft war es mir verboten, in die Sonne zu gehen. Ich verlor die Fähigkeit, anderen Menschen in die Augen zu sehen.

Das Verhör der staatlichen Sicherheitsverfolgung war eine Demonstration der Ignoranz. Mein Vernehmer forderte mich auf, Beweise vorzulegen, dass die Weltgesundheitsorganisation Homosexualität nicht als Krankheit einordne. Mein Anwalt Mohamed Fouad kontaktierte schließlich die WHO. Sie veröffentlichten ein Statement, in dem erläutert wurde, dass Homosexualität keine Krankheit sei. Meine Anwältin Hoda Nasrallah wandte sich an die Vereinten Nationen, die ebenfalls in einem Statement bekannt gaben, dass die Ausübung der sexuellen Orientierung ein Menschenrecht sei. 

Ahmed Alaa und ich argumentierten all das in der Behörde für Staatssicherheit. 

Die Fragen meines Vernehmers waren naiv: Er fragte mich, ob Kommunismus und Homosexualität das Gleiche seien. Sarkastisch fragte er mich auch, was Homosexuelle denn vom Sex mit Kindern und Tieren abhalten würde. Ihm war nicht klar, dass Sex mit Kindern, sowie Sex mit Tieren ein Verbrechen ist. Es überrascht nicht, dass sein Denken so beschränkt ist. Wahrscheinlich sieht er in Mohamed Shaarawy einen großartigen Sheikh und in Mostafa Mahmoud einen guten Rechtswissenschaftler. Und wahrscheinlich ist er überzeugt, die Welt habe sich gegen Ägypten verschworen und, dass Homosexualität eine Religion sei, in die wir Menschen einladen  würden. Er hat keine anderen intellektuellen Quellen als seine Familie, religiöse Typen, die Schule und die Medien.

Danach

Ich bekam Angst vor allen und jedem. Sogar nach meiner Entlassung fürchtete ich mich vor allem, auch vor meiner Familie, vor meinen Freunden, auf der Straße. Die Angst übernahm die Führung. 

Ich litt an mehreren schweren Depressionen und einer posttraumatischen Belastungsstörung. Dazu entwickelte ich Angststörungen und Panikattacken. Sie wurden mit ECT (Elektrokonvulsionstherapie, Anm. der Redaktion) behandelt und das führte zu Gedächtnisstörungen. Schließlich verließ ich das Land aus Angst, wieder verhaftet zu werden. Im Exil verlor ich dann meine Mutter. 

Danach eine weitere Runde ECT-Behandlungen, dieses Mal in Toronto, und zwei Selbstmordversuche. Ich begann zu stottern – es war reiner Terror. Ich konnte mein Zimmer nicht verlassen. Meine Gedächtnislücken wurden immer größer. Ich vermied es, über das Gefängnis zu sprechen, bei Versammlungen zu erscheinen oder öffentlich in den Medien aufzutreten, weil mir sofort der rote Faden abhanden kam und mich verloren fühlte. Als würde mich der Wunsch nach Schweigen überrollen. Und zu alldem kam noch, dass ich die Hoffnung in die Behandlung verlor. Ich verlor die Hoffnung, dass ich geheilt werden würde.   

Dies ist die Gewalt, die der Staat mir antat, mit dem Segen einer »intrinsisch religiösen« Gesellschaft. Es gibt keinen Unterschied zwischen einem bärtigen religiösen Extremisten, der dich töten will, weil er glaubt, in den Augen seines Gottes einen höheren Rang zu haben und daher das Recht zu besitzen, jeden zu töten, der anders ist als er, und einem nicht bärtigen, gut gekleideten Mann mit einem neuen Telefon und einem schicken Auto, welcher glaubt, in den Augen seines Gottes höher zu stehen, und daher damit beauftragt zu sein, jeden zu foltern, einzusperren und aufzuhetzen, der anders ist.

Wer anders ist, wer kein männlicher sunnitisch-muslimischer Heterosexueller ist, der das herrschende Regime unterstützt, wird verfolgt, gilt als unzumutbar oder tot.

Die Gesellschaft applaudierte dem Regime, als dessen Beamte mich und Ahmed Alaa, den jungen Mann, der alles verlor, weil er die Regenbogenfahne gehisst hatte, verhafteten. 

Die Muslimbrüder, die Salafisten und Extremisten fanden schließlich Übereinstimmung mit den herrschenden Mächten: Sie einigten sich auf uns. Sie einigten sich auf Gewalt, Hass, Vorurteile und Verfolgung. Vielleicht sind sie zwei Seiten derselben Medaille.

Wir haben keine helfende Hand gefunden, außer der der Zivilgesellschaft, die trotz der unterdrückenden staatlichen Einschränkungen ihre Arbeit machten. 

Ich werde das Verteidigungsteam nie vergessen: Mostafa Fouad, Hoda Nasrallah, Amro Mohamed, Ahmed Othman, Doaa Mostafa, Ramadan Mohamed, Hazem Salah Eldin, Mostafa Mahmoud, Hanafiy Mohamed und andere.

Die Bemühungen der Zivilgesellschaft können auch nach meiner Freilassung nicht mit Wort oder Schrift gewürdigt oder gar erklärt werden. Aber das ist alles, was ich habe. Deshalb bitte ich die Anwälte und den Rest der Zivilgesellschaft um Vergebung für meine Unfähigkeit, meine Dankbarkeit, außer mit Worten Ausdruck zu verleihen. 

Ein Jahr nach dem Mashrou ’Leila-Konzert und nachdem den Musikern nach einer einjährigen Sicherheitskampagne gegen Homosexuelle die Rückkehr nach Ägypten verboten wurde, ein Jahr nachdem ich mein Anderssein publik gemacht hatte – »Ja, ich bin eine Homosexuelle« – habe ich meine Feinde nicht vergessen.

Ich habe die Ungerechtigkeit nicht vergessen, die ein schwarzes Loch in die Seele gegraben hat und sie bluten ließ – ein Loch, das die Ärzt*innen noch nicht heilen konnten.

Falls ihr euch in einer Krisensituation befindet: Die Deutsche Depressionshilfe bietet eine Info-Hotline an unter 0800 / 33 44 533 (Mo-Di 13:00-17:00, Mi-Fr 08:30-12:30). In akuten Situationen könnt ihr auch die 112 wählen.