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|ak 659 | Kultur

Zocken in Corona-Zeiten

Drei virtuelle Möglichkeiten, den eigenen vier Wänden zu entkommen

Von Sarah Fartuun Heinze

Mit dem Po auf dem Sofa, mit der Konsole unterwegs: Sarah Fartuun Heinze. Foto: privat

Wenn Menschen mich in letzter Zeit fragen, wie es mir geht, antworte ich meistens: »unterschiedlich«. Oft hänge ich dann noch ein »…und ich spiele viele Videospiele« an. Ich glaube, so viel wie in den letzten Wochen habe ich das letzte Mal als Kind oder Jugendliche gezockt. Klar, Games sind ja auch ein Zeitfresser. Ein ausgesprochen schöner, durchaus, aber eben ein Zeitfresser. Und Zeit habe ich momentan sehr, sehr viel. Umso mehr habe ich mich über den Anlass gefreut, über ein paar der Spiele, die mich momentan so beschäftigen, zu schreiben. Hier sind sie also, die besten Games für die Quarantäne! Es ist von allem was dabei: Sowohl in Hinblick auf Systeme und Plattformen, Genres, was für Noobs, Casual- und Vollzeitgamer*innen.

Patapon Remastered

»Patapon« von Sony Interactive Entertainment ist ein Rhythmus- und Strategiespiel, ursprünglich 2007 für die Playstation Portable und 2017 als »Patapon Remastered« für die Playstation 4 optimiert erschienen.

Als Spieler*in finden wir uns in einer ausgesprochen verantwortungsvollen Position wieder: Wir sind die Gottheit der Patapons und dirigieren sie mit unserem Controller durch die Welt. Die Patapons sind ein seltsames Völkchen, einst mächtig, aber mittlerweile von der feindlichen Zigoton-Armee aus ihrer Heimat vertrieben. Patapons bestehen im Grunde nur aus Augen, Armen und Beinen und erzählen sich seit Anbeginn der Zeit die Sage von »Es«. »Es« ist am Ende der Welt. Was passiert, wenn man »Es« erreicht? Ja, das ist die Frage! Also machen sich die Patapons auf die Reise dorthin. Wer oder was das Unglück hat ihnen dabei im Weg zu stehen, wird gnadenlos platt gemacht. Da kommen wir ins Spiel: Über den Dreieck-, Kreis-, Viereck- und X-Button bedienen wir als Gottheit die heiligen Kriegstrommeln und geben so den Rhythmus vor, der, korrekt eingegeben, von den Patapons nachgesungen wird und sie in Aktion versetzt. Jedem Button ist ein bestimmter Sound zugeordnet. Chaka (Dreieck), Pon (Kreis), Pata (Viereck) und Don (X).

Richtig kombiniert ergeben sich so die Befehle für beispielsweise »Angriff« (Pon-Pon-Pata-Pon), »Verteidigung« (Chaka-Chaka-Pata-Pon), »Vorwärts« (Pata-Pata-Pata-Pon). Gelingt es uns, über einen längeren Zeitraum die richtigen Befehle im richtigen Takt zu geben, geraten die Patapons in den »Fever«-Modus und kloppen alles noch hemmungsloser kaputt. Schon allein, wenn ich von »Patapon« schreibe, habe ich direkt wieder Ohrwürmer. Es ist furchtbar. Und großartig! Perfekt für zwischendurch, mit einem kontinuierlich, aber sanft ansteigenden Schwierigkeitsgrad, wunderbar geeignet für Nerds und Noobs gleichermaßen.

Undertale

2015 erschienen, aus Feder, Fingern, Herz und Hirn von Multitalent Toby Fox ist »Undertale« auf den ersten Blick ein Role Playing Game (RPG)(1) in schönster Pixeloptik. Wir spielen Frisk, ein Kind, das sich nach einem Sturz in einer von Monster bewohnten Welt wiederfindet und versucht, wieder an die Oberfläche zu gelangen. In der »Undertale«-Kickstarterkampagne hat Toby Fox das Spiel 2014 so beworben: »A traditional role-playing game where no one has to get hurt.« Denn, wie wir uns als Frisk durch den Untergrund bewegen liegt allein bei uns als Spieler*in. In den rundenbasierten Kämpfen, in die wir oft aus heiterem Himmel geraten während wir uns durch den Untergrund bewegen, können wir zwischen »act«, »fight«, »item« und »mercy« wählen. Eigentlich wäre statt »Kampf« der englische Begriff »encounter«, Begegnung, treffender: Je nach Monster verbirgt sich hinter dem Befehl »act« eine unterschiedliche Handlung. »Act« kann bedeuten, eine Hunde-Wache so lange zu kraulen, bis ihr Hals so lang wird, dass ihr Kopf nicht mehr zu sehen ist. Es kann bedeuten, einem kleinen Vulkan Komplimente zu machen oder harsche Kritik an ihm zu üben. Es kann auch bedeuten, das von Shyrin, einem schüchternen, fischartigen Monster, gesungene Lied zu dirigieren.

Wie wir uns auch entscheiden: Das Spiel reagiert auf uns. Sind wir grausam, gemein, gedankenlos oder großzügig? Die Welt von »Undertale« wird sich dementsprechend verändern. Jedes Monster hat seine eigene Persönlichkeit und Geschichte. Das Spiel lädt uns ein, sie und die Welt des Untergrunds zu entdecken. Und es gibt so viel zu entdecken! So viel Tiefe, Tragik und Gefühle. Es lohnt sich. Sehr. Wurscht, ob ihr RPG-Veteran*innen oder Genre-Neulinge seid. Verfügbar für Playstation 4, Nintendo Switch, PC, Mac und Linux.

Night in the Woods

»Night in the Woods« vom Studio Infinity Fall, erschienen 2017, ist ein Adventure mit Jump’n’Run-Elementen. (2) Wir spielen Mae Borowski, 20 Jahre jung und seit einer Woche College-Dropout. Mae kehrt in ihre Heimatstadt Possum Springs zurück, eine Kleinstadt irgendwo in den USA. Wir begleiten sie durch ihre Tage: Proben mit ihrer alten Band, Abende auf der Couch mit Dad, Küchenplausch mit Mom. Wir balancieren auf Gartenzäunen, halten mit Maes altem Lehrer Mr. Chazokov nach Sternbildern Ausschau. Auf den ersten Blick ist alles wunderbar ereignisarm, aber nach und nach wird immer deutlicher: Irgendwas Seltsames scheint in Possum Springs vorzugehen. Seien es Maes eigenartige Träume, das mysteriöse Verschwinden von Jugendlichen oder der Arm den Mae und ihre Bandmates eines Abends vor dem Diner finden. Ja, richtig gelesen: Einen Arm. So machen wir uns nach und nach mit Mae auf den Weg, ein Geheimnis nach dem anderen zu lüften, die Tage zu bestreiten, in musikalischen Minigames Bass zu spielen (eins meiner Highlights!) oder auf Maes Laptop ein stumpfes, aber unterhaltsames und komplett spielbares Hack&Slay-Game (3) zu spielen.

Immer wieder können wir als Spieler*innen entscheiden, mit wem Mae ihre Tage verbringt: Ein Ausflug mit Drummerin Bea oder mit Maes bestem Freund Gregg ein altes Auto zu Klump hauen? Mit Angus, Greggs Boyfriend, wandern in den Wäldern oder abhängen mit Germ, Quasi-Bandmitglied ehrenhalber? Auch innerhalb der vielen, teils ziemlich philosophisch-tiefgründigen Dialoge können wir immer wieder wählen, wie Mae reagiert. Bei »Night in the Woods« sind wir mit Themen wie Klasse(nkampf), psychischer Gesundheit und wie man eigentlich seinen Platz in dieser sich stetig wandelnden Welt findet konfrontiert. Wer storylastige Games mit fantastisch geschriebenen Dialogen und Charakteren mag (Achtung: Das Spiel ist komplett auf englisch) ist bei »Night in the Woods« genau richtig. Verfügbar für Nintendo Switch, PlayStation 4, Xbox One, Mac, PC, iOS, Microsoft und Linux.

In dem Sinne: Passt auf euch und einander auf und viel Spaß beim Zocken!

Sarah Fartuun Heinze

Sarah Fartuun Heinze ist Theatermacherin, Gamerin, Musikerin und Aktivistin. Sie wurde 1989 in Marka (Somalia) geboren, ist Schwäbin, lebt in Cottbus und arbeitet als freiberufliche Künstlerin. Eines ihrer Lieblingsspiele ist »Zelda: Ocarina of Time«, vermutlich weil da, wie so oft, der Schlüssel zu den meisten Rätseln die Musik ist.

Anmerkungen:
1) Ein RPG ist ein Game, in dem ihr abgesehen von Monsterkloppe, Looten, Leveln und Questen was das Zeug hält, eurem*r Held*in auch dabei helft immer besser zu werden: Wie genau, kommt ganz auf’s Spiel an. Eines der erfolgreichsten (Action-)RPGs der letzten Jahre ist »The Witcher 3« (ja, wie die Netflix-Serie) von CD Projekt Red.
2) In einem Jump’n’Run ist der Name Programm: Wir bewegen uns springend und rennend durch die Welt und hoffen das Beste. Die »Super Mario«-Spiele sind beispielsweise größtenteils Jump nRun’s.
3) Auch in Hack&Slay-Games ist der Name Programm: Es wird alles zerkloppt was uns als Spieler*in vor Nase, Axt und/oder Schrotflinte läuft. Die »Diablo«-Reihe von Blizzard Entertainment ist eine der bekanntesten Hack&Slay-Reihen.