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»Wir können für uns selbst sorgen«

Robin Wonsley Worlobah aus Minneapolis über den Aufstand gegen rassistische Polizeigewalt in der Stadt, Selbstorganisierung und die Mehrfachkrise in den USA

Interview: Stephan Kimmerle

Demonstration an der Ecke 38th Street / Chicago Avenue, wo George Floyd ermordet wurde, am 26. Mai 2020. Foto: Lorie Shaull / Flickr, CC BY-SA 2.0

Das Gespräch wurde am Sonntagnachmittag, 31. Mai, Ortszeit, per Telefon geführt. Übersetzung: ak

Du warst involviert in die Organisierung der Proteste in Minneapolis nach dem Polizeimord an George Floyd. Inzwischen gibt es Proteste im ganzen Land, von New York bis Los Angeles, aber das Herz der Entwicklungen ist weiterhin in Minneapolis. Kannst du beschreiben, wie die Lage in der Stadt, fast eine Woche nach dem Mord, ist?

Robin Wonsley Worlobah: Ich will erst einmal betonen: Was aktuell in Minneapolis passiert, ist ein Aufstand. Eine völlig berechtigte Welle von Wut und Frustration ging durch die Community. Es gibt Aufnahmen von dem Moment an, als George Floyd aus dem Laden kam, bis er auf dem Boden liegt und um sein Leben fleht und schließlich bewusstlos wird. Immer wieder passiert es: 2016 wurde Philando Castile in Minneapolis ermordet, 2015 Jamar Clark, es gab Dutzende weiterer Schwarzer Männer und Frauen, die von Polizisten ermordet wurden. Und sogar, wenn es Aufnahmen der Morde gibt, wird gesagt: »Oh, das war vertretbarer Einsatz von Gewalt.« Oder: »Dieser Tod hatte medizinische Ursachen.« Aber wir wissen, dass das nicht wahr ist! Wir sehen, wie wir ermordet werden – vor laufenden Kameras!

Was genau passierte in den ersten Tagen nach dem Mord an George Floyd in der Stadt?

Zunächst hatten einige Bürgerrechtsgruppen zum Protest aufgerufen – wie es nach solchen Ereignissen üblich ist: Polizeischüsse oder Polizeimorde passieren, und Bürgerrechtsgruppen rufen zum Protest auf, fordern auf, zum Tatort zu kommen. Also kamen wir an der Kreuzung 38th Street und Chicago Avenue vor dem »Cup Foods«-Laden zusammen. Dann wurden die Proteste nach und nach größer, schließlich waren wir fast 20.000 Menschen.

Wir marschierten dann zur Polizeistation des dritten Reviers, wo die Polizisten, die in den Mord an George Floyd involviert waren, arbeiten. So viele junge Schwarze und People of Color, Leute aus der Arbeiterklasse, aus der Community waren da – es war ein wunderschöner Moment. Und dann beschlossen wir, den öffentlichen Raum zu besetzen. In den darauffolgenden Stunden wurde verständlicherweise viel von der vorhandenen Wut an dem fassbaren Gebäude, an der Polizeistation ausgelassen, bei Polizeiwagen wurden Windschutzscheiben eingeschlagen, die Fenster des Polizeireviers ebenso. Die Polizei verbarrikadierte alles und ging mit Tränengas und Gummigeschossen gegen die Protestierenden vor. In den Tagen darauf gab es ein Hin und Her zwischen uns und der Polizei. Es ist wichtig hervorzuheben, dass bis zu diesem Zeitpunkt keiner der Polizisten, die an dem Mord beteiligt waren, festgenommen worden war. Dann gab es einen Punkt, an dem die Wut und Frustration, die sich in der ersten Nacht gegen das Polizeirevier gerichtet hatte, sich auszuweiten begannen.

Robin Wonsley Worlobah

ist Mitglied der Democratic Socialists of America (DSA) in Minneapolis. Sie ist seit vielen Jahren aktiv in der sozialistischen Bewegung der Twin Cities (Minneapolis und St Paul), Gewerkschaftsorganizerin und war unter anderem beteiligt am erfolgreichen Kampf für einen Mindestlohn von 15 Dollar im Jahr 2017. Minneapolis war die erste Stadt des Mittleren Westens, in der dieser eingeführt wurde. Heute arbeitet sie für die Lehrergewerkschaft. Im kommenden Jahr kandidiert Wonsley Worlobah für den Stadtrat von Minneapolis.

Robin Wonsley Worlobah Foto: privat

Wie reagierten die politisch Verantwortlichen?

Es gab Interventionen von Bürgerrechtsgruppen, die ich der black managerial class, der Schwarzen Managerklasse, zurechnen würde, die gemeinsam mit den gewählten Politikern versuchten, die Wut zu besänftigen. Die Schwarzen Jugendlichen auf der Straße duldeten diese Befriedungsversuche aber nicht. Sie machten klar: Ihr werdet uns nicht ein paar Kumbaya-Lieder singen und wieder nach Hause gehen sehen, wir bleiben, bis die Polizisten zur Verantwortung gezogen werden.

Die politisch Verantwortlichen zeigten sich allerdings weder in der Lage noch willens, in den Polizeiapparat reinzuregieren. Zugleich jagten ihnen die Massen auf der Straße eine scheiß Angst ein. Ihre Strategie bestand dann darin, die »guten« Protestierenden von den »bösen« zu trennen, dafür verhängten sie eine Ausgangssperre. Uns wurde gesagt: Ihr könnt friedlich demonstrieren, aber tut es bitte nur zwischen 6 und 20 Uhr. Wenn ihr danach draußen seid, gehört ihr zu den »Bösen«, und dann werden wir gegen euch vorgehen. Sie holten die Nationalgarde und gaben vor, damit die »guten« Protestierenden vor den »bösen« schützen zu wollen. Einige haben es ihnen zuerst auch abgekauft. Doch dann fuhren Militärfahrzeuge in Wohnviertel und beschossen Familien mit Tränengas. Das Video eines solchen Vorfalls hat dazu geführt, dass echt viele Leute realisiert haben, dass sie vom Staat verarscht werden.

Was bedeutet das?

Das bedeutet, dass es jetzt in Minneapolis viele Leute auf der Straße gibt, die versuchen, die Ereignisse zusammenzubringen und die zu verstehen beginnen, was die Aufgabe des Staatsapparates ist, nämlich unter anderem Schwarze Menschen und PoC zu terrorisieren, um so den Kapitalismus aufrechtzuerhalten.

Zugleich wächst die Erkenntnis, dass wir für uns selber sorgen können. Menschen kommen zusammen und organisieren sich, um die grundlegenden Bedürfnisses in ihren Communities zu befriedigen.
Insgesamt geht alles wahnsinnig schnell und verändert sich ständig. Jeder Tag ist anders. Vor wenigen Tagen noch wussten der Governeur und der Bürgermeister nicht, was sie tun sollten, heute haben sie sich den Vorschlag Donald Trumps zu eigen gemacht, dass es das Militär regeln soll.

Es gibt derzeit keine kollektive linke Bewegung, die mehr fordert als die strafrechtliche Verfolgung der Mörder von George Floyd.

In Minneapolis gab es in der Vergangenheit eine sehr gut organisierte Black-Lives-Matter-Bewegung. Nach dem Mord an Jamar Clark 2015 etwa gab es die 18-tägige Besetzung eines Polizeireviers, die von BLM organisiert wurde. Wie ist das heute? Wer führt die Bewegung in Minneapolis an, wo werden Vorschläge diskutiert, wie es weitergehen kann?

Einerseits ist es wirklich schön, was hier vor Ort passiert: Die Bewegung ist organisch, sie wird nicht angeführt von irgendeiner zentralisierten Organisation, es sind Schwarze Jugendliche und PoC, die aus den Arbeiterstadtteilen kommen, die das Sagen haben in der Bewegung und die sich gegen institutionalisierte Kräfte wehren, die versuchen, ihnen zu sagen, was sie zu tun und zu lassen haben oder was der richtige Weg ist. Das ist das Schöne an der jetzigen Situation.

Auf der anderen Seite gibt es gerade diesen Moment, in dem viele Menschen in Minneapolis die Beschränktheit des Kapitalismus erleben und verstehen, und es gibt keine organisierte linke Kraft oder Bewegung in unserer Stadt, die in der Lage ist, einen Weg nach vorne zu weisen. Es gibt beispielsweise keine konkreten Forderungen jenseits der Forderung nach strafrechtlicher Verfolgung der in den Mord an George Floyd involvierten Polizisten. BLM in Minneapolis hat sich 2017 aufgelöst, es gibt eine Nachfolgeorganisation, das Black Visions Collective (BLVC), die einen Stamm an Organizern hat, sich aber vor allem darauf konzentriert hat, innerhalb der bestehenden Verhältnisse Lobby-Arbeit gegenüber der Politik zu machen. In der aktuellen Situation kann sie auch keine weitergehende Strategie vorweisen. Es gibt also keine starke Schwarze Organisation vor Ort auf der Straße, die antirassistisch ist und sich auf die Arbeiterklasse bezieht.

Black Lives Matter hat schon früher große Proteste in Minneapolis organisiert, hier im Jahr 2016 nach dem Mord an Philando Castile. Foto: Andy Witchger / Wikimedia Commons, CC BY 2.0

Was es gibt, sind gewachsene Strukturen in den traditionellen Schwarzen Arbeiterbezirken, wie Nord-Minneapolis, wo die Menschen es gewohnt sind, zusammenzukommen, sich zu unterstützen und auch Selbstverteidigung zu organisieren. Sie sind es, die jetzt auch Aufräumtrupps organisieren, die nach den Riots sauber machen. Aber nochmal: Es gibt keine kollektive linke Bewegung. Wir sind nicht vereint darin, herauszufinden, was wir brauchen, um mehr zu erreichen als die strafrechtliche Verfolgung der Mörder von George Floyd.

Was könnten solche weitergehenden Forderungen sein?

Es sollte darum gehen, Investitionen, die in die Polizei geflossen sind, zurückzuholen. Wir müssen herausfinden, wo das Geld in unseren Communities hingeht, wie wir zu einem Modell von Umverteilung des Reichtums in unserer Stadt kommen. Wie können wir den Wohnungsmarkt vom privaten Markt trennen? Wie können wir gegen Sozialkürzungen vorgehen? Jetzt ist der Moment, wo wir sagen könnten: Nein, wir müssen das Geld, das in den Polizeistaat fließt, zurück in unsere Communities investieren, in Sozialprogramme, von denen wir wissen, dass sie viel effektiver sind, wenn es darum geht, unsere Stadtteile sicherer zu machen. Außerdem ist jetzt auch ein Moment, die Bindung vieler Menschen in Minneapolis an die Demokratische Partei zu lockern und von der typischen Herangehensweise wegzukommen, die wir aus vergangenen Bewegungen kennen und die darin besteht, zur Normalität zurückzukehren und damit das bestehende System zu retten.

Was denkst du über die Riots und Plünderungen? Auf der einen Seite sind sie Ausdruck einer großen Wut, auf der anderen Seite werden sie genutzt von Trump und den Medien, um ein abschreckendes Bild der Proteste zu zeichnen. Wie ist die Erfahrung vor Ort damit?

In einem System des auf Rassismus basierenden Kapitalismus sind wir es, die die ganze Zeit ausgeplündert werden! Ich habe daher absolut kein Problem, wenn Schwarze Jugendliche aus der Arbeiterklasse Läden von Unternehmen plündern, die beispielsweise gegen einen Mindestlohn von 15 Dollar waren, oder die dafür bekannt sind, Abermillionen von ihren Arbeiter*innen zu stehlen. Sie haben Versicherungen, sie haben beste Beziehungen mit Politikern, die Kosten der Plünderungen und Beschädigungen werden an sie zurückgezahlt werden. Wahrscheinlich werden sie das sogar aus Steuerzahlungen zurückerstattet bekommen, obgleich sie Milliarden Dollar auf irgendwelchen Offshore-Konten liegen haben, mit denen sie für die Kosten der Schäden ohne weiteres selbst aufkommen könnten.

In einem System des auf Rassismus basierenden Kapitalismus sind wir es, die die ganze Zeit ausgeplündert werden!

Ein wenig anders ist es mit den Plünderungen in Arbeiterstadtteilen, wo das Lebensmittelgeschäft eine wichtige Infrastruktur ist. Ich wünschte, die dortigen Plünderungen würden in die reichen Stadtteile verlagert, dorthin, wo die CEOs und Manager leben. Wir sollten auch nicht vergessen, dass wir uns inmitten einer Pandemie befinden, in der die schwächsten unter uns Arbeiter*innen die am meisten Gefährdeten sind, jene, die finanziell am kämpfen sind. Das ist auch der Grund, warum DSA unter anderem Lebensmittelverteilungen in solchen Stadtteilen organisiert. Es bräuchte jetzt eine organisierte Kraft, die verhindert, dass wir unseren eigenen Communities schaden.

Ich habe den Eindruck, dass dieser Aufstand, der eine unmittelbare Reaktion auf anhaltende Polizeigewalt ist, auch vor dem Hintergrund eines Präsidenten gesehen werden muss, der immer wieder Öl ins Feuer gießt, aber auch vor dem Hintergrund der Covid-19-Krise, von der überdurchschnittlich Schwarze und People of Color betroffen sind, die viel häufiger sterben als Weiße. Siehst du diese Verbindungen auch?

Klar. Wir werden von allen Seiten brutal betrogen. Ich denke, dass wir definitiv an einem Wendepunkt sind. Im Laufe der letzten Monate wurden unsere Leben auf sehr vielfältige Weise zerstört, es gibt die Covid-19-Krise, die tödlichste Epidemie seit Jahrzehnten, die unsere Wirtschaft auf den Kopf gestellt hat, die Ausbeutung intensiviert und den Ausgebeuteten gleichzeitig klar gemacht hat, dass sie entbehrlich, ihre Leben nichts wert sind.

Der Cup-Foods-Laden, vor dem George Floyd von weißen Polizisten ermordet wurde. Foto: Lorie Shaull / Flickr, CC BY-SA 2.0

Insbesondere Schwarze und Arbeiter*innen of Color werden gezwungen, ihr Leben zu riskieren von Politikern, die sich in ihre Millionen-Dollar-Anwesen zurückziehen und dort sehr komfortabel leben. Und dann haben wir diesen Präsidenten, der eine rechte konservative Bewegung befeuert und dieser Bewegung eine politische Plattform gegeben hat. Ich sage immer: Ich wünschte, die Linke wäre so organisiert wie diese rechte Bewegung! Sie sind echt vorangekommen und stark. Und wir müssen uns im klaren darüber sein, dass – gerade auch hier in Minnesota – White Supremacists nicht nur die Typen sind, die mit Knarren rumrennen, sondern oft sind es unsere Manager, die Leute, an denen du im Supermarkt vorbei läufst, es sind Leute, die tief in unserem System verwurzelt sind. Auch deshalb können wir nicht einfach wieder zurück zum business as usual.

Ich kann nicht in einem System weiterleben, das die Vernichtung meines Lebens autorisiert und in dem ich nichts weiter dagegen machen können soll als zu wählen und mich in einer Zivilgesellschaft zu engagieren, die dafür da ist, unsere wirtschaftlichen und politischen Eliten zu schützen. Ich brauche etwas anderes als das! Und wenn das bedeutet, dass Leute auf die Straße gehen und ein Polizeirevier niederbrennen, um etwas zu erreichen, dann ist das der Punkt, an dem wir jetzt sind.

Stephan Kimmerle

Stephan Kimmerle ist freier Journalist und lebt in Seattle. Er ist Mitglied der DSA.