analyse & kritik

Zeitung für linke Debatte & Praxis

Beta — Diese Seite ist eine Beta-Version, auf der noch Artikel fehlen und Funktionen ausgeschaltet sind. Falls dir Fehler auffallen, schreib an: wir-kommen@posteo.de

|Thema in ak 660: Medikamente

Der Wettlauf zum Medikament

Wie kapitalistisch organisierte Medizin und Wissenschaft in Zeiten der Pandemie versagen

Von Isabelle Bartram

Gegenwärtig gibt es noch kein Medikament und keinen Impfstoff gegen Sars-COV-2 und die Neuartigkeit des Virus stellt Wissenschaftler*innen vor forschungspraktische Hindernisse. Weder existieren etablierte Tiermodelle, also beispielsweise Labormäuse, die mit Sars-COV-2 infiziert und therapiert werden, noch ist bekannt, welche menschlichen Zellen sich am besten eignen, um Wirkstoffe in Zellkulturen zu prüfen. In einer aktuellen Studie verwendeten Wissenschaftler*innen eine Zelllinie einer Grünen Meerkatze, welche sie mit dem Virus infizierten.

Die Ergebnisse der Versuche der Forschenden an der University of California, dem Institut Pasteur in Paris und dem Mount-Sinai-Krankenhaus in New York sind vielversprechend. Nach Infektion der Zellen bekämpften 47 Medikamente das Virus erfolgreich – zum Teil durch zuvor unbekannte Wirkungsmechanismen. Der Projektleiter Nevan Krogan betonte jedoch mehrmals, es handele sich nur um Zwischenergebnisse mit Affenzellen – ob sich daraus Medikamente für Menschen entwickeln ließen, sei zu diesem Zeitpunkt völlig unklar. Eine notwendige Klarstellung in Zeiten, in denen die globale Hoffnung auf das Ende der Pandemie einen fruchtbaren Nährboden für eine explosive Mischung aus journalistischen Hypes, Profitinteressen von Pharmaunternehmen und politisch motivierten Fehldeutungen von wissenschaftlichen Ergebnissen bietet.

Diese gefährliche Dynamik zeigte sich auch in der Debatte um das Malariamedikament Hydroxychloroquin und das verwandte Präparat Chloroquin. Da für andere Erkrankungen zugelassene Medikamente schon Sicherheitsprüfungen hinter sich haben, wären beide Präparate schneller für Patient*innen mit Covid-19 verfügbar als neu erforschte Wirkstoffe. Für die betreffenden Hersteller würde dies Profit durch eine Neuzulassung der Präparate für Covid-19 bei eingesparten Entwicklungskosten bedeuten. Mitte März behauptete US-Präsident Donald Trump, Hydroxychloroquin sei ein »Geschenk Gottes«. Er war nicht allein mit seiner Behauptung – auch Wissenschaftler*innen, Ärzt*innen und Medien handelten das Medikament für einige Wochen als Hoffnungsträger. Die US-Arzneimittelbehörde FDA erlaubte kurz darauf die Nutzung von Chloroquin und Hydroxychloroquin in Notfällen. Bayer, der Hersteller von Chloroquin, verkündete, das Mittel kostenlos an die deutsche Regierung spenden zu wollen, und kündigte eine Produktionsverlagerung nach Europa an. Im April stellte sich der Hype jedoch als falsch heraus. Eine Studie der US-Regierung verglich im Nachhinein den Krankheitsverlauf von Covid-19-Erkrankten, die mit einem der beiden Wirkstoffe behandelt worden waren, mit unbehandelten Patient*innen: Wesentlich mehr starben nach einer Behandlung mit Chloroquin- oder Hydroxychloroquin. Unterdessen schnellten die Internet-Suchanfragen nach Kaufmöglichkeiten der Präparate in die Höhe und es kam zu einigen Vergiftungsfällen durch Selbstmedikation – eine direkte Folge der Vermischung von finanziellen und politischen Interessen mit schlechtem Wissenschaftsjournalismus.

Es ist außerdem ein Ergebnis, das bei einem Blick auf die Datenbasis für die Wirksamkeitsbehauptungen von Hydroxychloroquin leider wenig überrascht. Der Mediziner Didier Raoult von der Universität Marseille hatte 26 Covid-19-Patient*innen mit dem Wirkstoff behandelt, laut Raoult mit großem Erfolg. Andere Mediziner*innen, wie auch Vinay Prasad von der University of California, kritisierten die Studie jedoch scharf. Nach dem Maßstab evidenzbasierter Medizin, also medizinischer Behandlung, die sich an der aktuellsten wissenschaftlichen Datenlage orientiert, müssen klinische Studien zum einen eine Kontrollgruppe haben, in der ein Teil der Patient*innen mit einem Placebo oder mit der üblichen Therapie behandelt werden. Zum anderen müssen die Patient*innen zufällig auf die Behandlungsgruppen verteilt werden und die Gruppen müssen groß genug sein, um statistische Effekte über die Wirksamkeit eines Medikamentes treffen zu können.

Raoults Studie erfüllte keines dieser Kriterien. Die Ergebnisse, zusammen mit Ergebnissen aus Zellkulturversuchen, wurden trotzdem, vor allem von US-Investor*innen, äußerst positiv aufgenommen und landeten schließlich in der Berichterstattung des US-amerikanischen TV-Senders Fox News, wo Trump sie vermutlich aufgriff. Inzwischen haben verschiedene Wissenschaftler*innen weitere Mängel der Studie aufgezeigt. Beispielsweise wurden einige Patient*innen mit schlechtem Krankheitsverlauf nicht in die Auswertung einbezogen. Weitere Studien haben zudem gezeigt, dass Hydroxychloroquin und Chloroquin nicht so wirksam sind wie behauptet und schwere Nebenwirkungen haben können. Hydroxychloroquin als Wirkstoff gegen Covid-19 in Betracht zu ziehen, bedeutet also, die aus guten Gründen formulierten Standards evidenzbasierter Medizin zu missachten.

Forschung in der Krise

Die Pandemie trifft den Wissenschaftsbetrieb in einer krisenhaften Zeit und verstärkt, wie am Beispiel Hydroxychloroquin deutlich wird, existente Trends, die qualitativ hochwertige Forschung schon länger erschweren. Seit mindestens fünf Jahren erschüttert die Diskussion um die sogenannte »Reproduzierbarkeitskrise« die Wissenschaftscommunity. Mehrere Studien hatten in verschiedenen Bereichen gezeigt, dass sich nur ein geringer Teil von Ergebnissen aus der Grundlagenforschung unabhängig wiederholen lasse. Die Reproduzierbarkeit von Forschungsergebnissen ist unbedingte Grundlage für den wissenschaftlichen Fortschritt: Sind Ergebnisse nicht reproduzierbar, steht in Frage, ob sie generell gelten oder beispielsweise nur durch Zufall zustande gekommen sind. Das heißt, dass sich in verschiedenen Forschungszweigen grade die Frage stellt, ob in Grundlagenforschung gewonnene Erkenntnisse verlässlich sind. Die Gründe für die Reproduzierbarkeitskrise in der medizinischen Forschung scheinen vielfältig zu sein. Zum einen zeigen Untersuchungen qualitative Mängel. Zum Beispiel haben sich seit Jahrzehnten kultivierte Zelllinien durch zufällige Genveränderungen so auseinanderentwickelt, dass Versuche aus unterschiedlichen Laboren nicht mehr miteinander vergleichbar sind.

Andererseits sorgen hierarchische Strukturen in den Laboren dafür, dass viele prekär angestellte Nachwuchswissenschaftler*innen unter Druck stehen, »die richtigen« Ergebnisse zu produzieren. Um im Wettlauf um Fördermittel und die rar gesäten Stellen im wissenschaftlichen Mittelbau mithalten zu können, stehen Forschende unter immer größerem Druck zu publizieren. Durch die folgende Überschwemmung des Publikationswesens mit Manuskripten dauert es zum Teil ein Jahr oder länger, bis Artikel veröffentlicht werden. Als Strategie dagegen haben sich in den letzten Jahren sogenannte Preprint-Server etabliert. Auf Plattformen wie BioRxiv.org laden Wissenschaftler*innen ihre Forschungsarbeiten hoch, um sie der Community sofort zugänglich zu machen.

Anthony Fauci, Leiter des National Institute of Allergy and Infectious Diseases, steht der Presse im Weißen Haus Rede und Antwort. Foto: Weißes Haus/Andrea Hanks.

Was wissenschaftsintern zunächst Sinn macht, stellt sich nun als fatal heraus: Auf den Preprint-Server wird eine unüberblickbare Menge an Covid-19-Veröffentlichungen hochgeladen, deren Ergebnisse zum Teil ohne Peer Review, also ohne unabhängige Überprüfung, von Journalist*innen übernommen werden. Doch in Corona-Zeiten garantieren selbst renommierte Fachzeitschriften keine Qualität – Didier Raoults Studie wurde nur einen Tag nach der Einreichung veröffentlicht, wobei offensichtlich einige Mängel übersehen wurden. Ein Fehler, der eigentlich nicht passieren dürfte.

Natürlich wirken aktuell nicht durch die akademischen Forschungszwänge, sondern, wenn Pharmaunternehmen involviert sind, auch finanzielle Interessenkonflikte auf das Studiendesign. Ein weiteres Mittel, das momentan als Durchbruch in der Covid-19-Therapie gehandelt wird, ist Remdesivir der Firma Gilead, das ursprünglich gegen Hepatitis C entwickelt und dann mit wenig Erfolg gegen Ebola eingesetzt wurde. 4.500 US-Dollar soll die Therapie in den USA pro Patient*in kosten. Die NGO »Public Citizen« errechnete dagegen, dass schon der Preis von einem US-Dollar pro Behandlungstag die Herstellungskosten decken und Gilead Gewinne einbringen würde. Die Firma testet das Medikament momentan in einer großen Studie ohne Kontrollgruppe auf seine Wirksamkeit gegen Covid-19. Mitte April wurde die Studie auf 6.000 schwer erkrankte Patient*innen erweitert, die mit Remdesivir behandelt werden sollen. Gleichzeitig testet das US-amerikanische National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID) Redemsivir in einer klinischen Studie mit rund 1.000 Patient*innen mit einer Kontrollgruppe. Trotz Kontrollgruppe wird auch hier von evidenzbasierten Standards abgewichen, so dass die Aussagekraft der Studienergebnisse wie schon bei den Studien zu Hydroxychloroquin fraglich sein wird.

Die Hoffnung auf Remdesivir

Ursprünglich sollen nach WHO-Leitlinien für Coronavirus-Studien acht Messwerte am 15. Tag der Behandlung über die Wirksamkeit von Remdesivir Auskunft geben. Statt sich an diese Vorgaben zu halten, änderten die Verantwortlichen beim NIAID mitten in der Studie den primären Endpunkt, also den Messwert, der darüber entscheidet, welche Behandlung besser ist. Statt der Todesrate soll nun zählen, wie lange die Genesungszeit der überlebenden Patient*innen dauert. Todesfälle und Nebenwirkungen werden zwar noch genannt, sind aber nicht entscheidend für die Bewertung des Medikaments. Nach diesem Maßstab scheint Remdesivir einem Placebo leicht überlegen zu sein: Anthony Fauci, der Direktor des NIAID und Mitglied von Trumps Corona-Taskforce, berichtete, dass überlebende Patient*innen mit Remdesivir im Durchschnitt in elf statt 15 Tagen gesund werden würden. Wie die Washington Post berichtete, sehen einige unabhängige Expert*innen die Änderung des Studiendesigns sehr kritisch. Laut Steven Nissen, einem US-amerikanischen Kardiologen und Experten für klinische Studien, hätten die Verantwortlichen wohl gesehen, »dass sie nicht gewinnen, und wollten es zu etwas ändern, was sie gewinnen können«. Harte Daten wie Todesfälle seien wesentlich aussagekräftiger, so Nissan. Diese Zahlen sollen nun erst bei Veröffentlichung der Studie bekannt werden – wann das sein wird, ist unklar. In der Zwischenzeit hat Fauci Remdesivir zum Behandlungsstandard für Covid-19-Patient*innen in den USA erklärt. Zeitgleich wurde bekannt, dass eine chinesische Studie keinen Vorteil von Remdesivir gegenüber einem Placebo feststellen konnte. Auch im Fall Remdesivir wurden Forschungsstandards aufgeweicht, so dass Studienergebnisse eine vermeintliche Wirksamkeit nahelegen, die nach seriösen Forschungskriterien fraglich ist.

Die Konsequenz aus der Kritik an dieser möglicherweise lebensgefährdenden Forschungsverzerrung darf selbstverständlich keine generelle Ablehnung oder Skepsis gegenüber medizinischer Forschung sein. Das Problem ist nicht die medizinische Forschung an sich, sondern das zugrundeliegende kapitalistische System. Wirksame und global bezahlbare Medikamente und Impfstoffe sind notwendig, um die Pandemie zu überwinden. Der Fokus muss allerdings darauf liegen, dafür zu sorgen, dass Medikamente und Impfstoffe nach Interessen von Patient*innen und evidenzbasierten Standards entwickelt werden, statt dem Drang nach schnellen Ergebnissen und Profitinteressen zu folgen. Aufrufe diverser Akteur*innen, Zulassungsverfahren zu verkürzen, um schneller Wirkstoffe zu erhalten, erscheinen verführerisch, können aber das Gegenteil bewirken. Im harmlosesten Fall haben Medikamente nicht die versprochene Wirksamkeit, im schlimmsten Fall verlängern sie die Pandemie und erhöhen die Zahl der Toten. Schon jetzt fehlt für viele neu zugelassene Medikamente auf dem deutschen Markt der wissenschaftliche Beleg für ihren Nutzen. Es sollten gerade in Pandemiezeiten nicht noch weitere unwirksame oder möglicherweise schädliche Präparate hinzukommen.

Isabelle Bartram

Isabelle Bartram ist Biologin und arbeitet als
Fachreferentin für Medizin beim Gen-ethischen Netzwerk.